Anlass
"Wenn die Militarisierung in Europa weiter so fortschreitet, wird man eines Tages auch noch die Worte in eine Uniform stecken, man wird sie antreten lassen zum Appell, wird ihnen den Befehl zum Durchzählen geben, und plötzlich werden sie anfangen zu marschieren, im Gleichschritt."
Hanns Cibulka - Nachtwache
Hanns Cibulka – Schreiben gegen Verluste Hanns Cibulka (1920–2004) nimmt innerhalb der DDR-Literatur eine schwer einzuordnende Stellung ein. Geboren im mährisch-schlesischen Jägerndorf, wurde er mit neunzehn Jahren zur Wehrmacht eingezogen und erlebte den Zweiten Weltkrieg in Polen, der Ukraine und Italien. Nach amerikanischer Kriegsgefangenschaft auf Sizilien blieb ihm 1948 die Rückkehr in seine sudetendeutsche Heimat versperrt. In Thüringen fand er einen neuen Lebensmittelpunkt und leitete von 1953 bis 1985 die Heinrich-Heine-Bibliothek in Gotha.
Sein Werk besitzt einen ausgeprägt konservativen Grundzug. Cibulka verteidigt in seinen Büchern das geschichtlich Gewachsene, die Natur und die regionale Eigenart gegen ihre Unterordnung unter ein abstraktes Zukunftsversprechen. Dem Fortschrittsdenken der DDR setzt er Begriffe wie Mass, Dauer, Erinnerung und Verantwortung entgegen. Cibulka bezieht sich häufig auf Goethe, Hölderlin und Rilke und stellt sein Schreiben damit in die Tradition der europäischen Natur- und Landschaftsdichtung. Zugleich arbeitet er mit Tagebuchmontage, Fragment und eingeschobenen Zitaten. Traditionsgebunden in seinen Wertvorstellungen, modern in seiner offenen, literarischen Form steht Cibulka in der Tradition der konservativen Moderne. Innerhalb der DDR-Literatur nahm er damit eine Sonderstellung ein. Seine Themen und Traditionsbezüge ließen sich weder dem sozialistischen Realismus noch eindeutig der Dissidenz zuordnen.
Im Mittelpunkt dieses Schreibens steht eine hochsensible Naturwahrnehmung. Cibulka registriert kleinste Veränderungen des Lichts, der Luft, der Vegetation und des Wetters. Farben, Gerüche, Vogelstimmen, Windrichtungen und jahreszeitliche Übergänge bilden ein fein abgestuftes System von Zeichen. Diese Aufmerksamkeit ist weder dekorativ noch romantisierend. Natur besitzt bei ihm einen Eigenwert, der sich menschlicher Verwertungslogik entzieht. Der beobachtende Mensch soll sich in einen Lebenszusammenhang einordnen, nicht über ihn verfügen. Werke wie Sanddornzeit, die Dornburger Blätter, Swantow und Seedorn zählen heute zu den bedeutendsten Beispielen ostdeutschen "Nature Writings".
Aus der Naturbetrachtung entsteht der melancholische Grundton seines Werks. Melancholie bezeichnet bei Cibulka das Bewusstsein, dass Schönheit vergänglich und jeder Ort gefährdet ist. Seine genaue Wahrnehmung hält fest, was bereits vom Verschwinden bedroht wird. Der Verlust der Heimat seiner Jugend prägt diesen Blick: Wer seine Herkunftslandschaft unwiderruflich verloren hat, erkennt früh die Verletzlichkeit anderer Landschaften. Heimat ist deshalb kein Besitzanspruch. Sie entsteht aus Erinnerung, Sprache und der Bindung an einen konkreten Lebensraum. Seine Landschaften sind gerade deshalb schön, weil sie sich verändern: Licht wandert, Jahreszeiten wechseln, Pflanzen altern, Küsten verwittern. In dieser Aufmerksamkeit für das Vorläufige berührt sich seine Prosa mit dem japanischen Prinzip des Wabi-Sabi. Wabi-Sabi erkennt Schönheit nicht im Makellosen und Dauerhaften, sondern im Unvollkommenen, Gealterten und Vergänglichen. Ähnlich wie im Wabi-Sabi gewinnt bei ihm das Einzelne durch die sichtbaren Spuren der Zeit an Bedeutung. Der vom Wind geformte Strauch, das wechselnde Licht oder die verletzliche Küstenlandschaft verweisen auf eine Schönheit, die nicht trotz, sondern durch ihre zeitliche Begrenzung entsteht. Wahrnehmen heisst deshalb, das Verschwindende für einen Augenblick festzuhalten.
Hier verbindet sich Melancholie mit Cibulkas konservativer Haltung. Bewahren bedeutet für ihn nicht, Natur in einen unveränderlichen Zustand zu zwingen. Es bedeutet, ihren Eigenrhythmus, ihre Wandlungsfähigkeit und ihre geschichtlich gewachsene Gestalt vor gewaltsamer Verfügung zu schützen. Die Einsicht in die Vergänglichkeit führt somit nicht zur Resignation, sondern zu einer Ethik der Fürsorge: Gerade weil Schönheit nicht von Dauer ist, verlangt sie Aufmerksamkeit und Schutz. Darin liegt auch der innere Zusammenhang zwischen Cibulkas Naturpoesie und seiner Kritik an der ökonomischen und technischen Ausbeutung der Landschaft.
Krieg und Vertreibung bilden die Tiefenschichten dieser Melancholie. Im Sizilianischen Tagebuch sowie in den späteren Büchern Nachtwache, Die Heimkehr der verratenen Söhne und Sonnenflecken über Pisa kehrt Cibulka zu den Erfahrungen seiner Generation zurück. Die zeitliche Folge dieser Werke zeigt, dass der Krieg für ihn kein abgeschlossenes Kapitel war. Er erscheint als fortdauernder Bruch im Verhältnis zu Geschichte, Heimat und eigener Biografie. "Heimkehr" bleibt ein unerfüllbarer Begriff: Der Soldat kann zurückkehren, die verlorene Welt seiner Herkunft erreicht er nicht mehr. Cibulkas konservative Erinnerungspoesie versucht keine nachträgliche Wiederherstellung. Sie bewahrt Namen, Orte und Erfahrungen vor dem Vergessen.
Aus derselben Haltung entwickelt sich seine Kritik an den Umweltschäden der DDR. Der sozialistische Produktions- und Fortschrittsbegriff behandelte Natur vorwiegend als verfügbare Ressource, den Boden als reinen Produktionsfaktor, die Atmosphäre als unbegrenzt verfügbare Senke luftgetragener Schadstoffe. Cibulkas Texte betonen, dass die menschliche Verfügung über die Natur Grenzen haben muss. Landschaften, Pflanzen und Tiere besitzen für ihn einen eigenen Wert und dürfen nicht allein nach ihrem wirtschaftlichen Nutzen beurteilt werden. Der Mensch trägt Verantwortung für die Folgen seines Handelns – auch gegenüber kommenden Generationen. Damit widerspricht Cibulka dem Fortschrittsdenken der DDR, das industrielle Produktion und technische Naturbeherrschung weitgehend positiv bewertete. Seine Kritik bleibt indirekt: Statt politische Entscheidungen offen anzuklagen, macht er an beschädigten Landschaften sichtbar, welchen Preis dieser Fortschritt fordert. Ähnlich wie bei Ernst Jünger ist das Schreiben Cibulkas "zwischen den Zeilen" hier beides – Strategie, um einer staatlichen Zensur zu entgehen und ästhetisches Verfahren. Jünger verlagert seine Distanz zum Nationalsozialismus häufig in Chiffren, Träume, Naturbilder und abrupte Kontraste. Berichte von Gewalt stehen neben Betrachtungen von Kunst und Natur, ohne durch einen ausdrücklichen Kommentar verbunden zu werden. Das politische Urteil entsteht in der Spannung zwischen diesen Aufzeichnungen. Dieses indirekte Verfahren schützt die Unabhängigkeit des Beobachters, bleibt aber mehrdeutig: Es kann als verschlüsselter Widerspruch, als ästhetische Distanzierung oder als Ausweichen vor eindeutiger Stellungnahme gelesen werden. Cibulka greift ein vergleichbares Verfahren unter den Bedingungen der DDR auf. In Swantow, Seedorn und dem Buch Ruth wird die Beschädigung der Landschaft selbst zum Gegenargument gegen den staatlichen Fortschrittsoptimismus. Naturbilder, Zitate, Gedichte und Auslassungen verbinden sich zu einer Kritik, deren politische Bedeutung der Leser erschliessen muss. Das Schreiben zwischen den Zeilen ist bei Jünger und Cibulka mehr als eine Reaktion auf Zensur: Es ist eine Ästhetik der Mehrdeutigkeit.
Ein Vergleich mit Ernst Jüngers Prosa der 1940er-Jahre, (Gärten und Strassen und den später unter dem Titel Strahlungen zusammengefassten Tagebüchern) und den Tagebuchaufzeichungen Cibulkas aus dieser Zeit verdeutlicht Cibulkas literarische Eigenständigkeit. Beide Autoren beobachten inmitten des Krieges Pflanzen, Tiere, Gesteine, Wetter und Licht mit großer Genauigkeit. Der militärischen Sprache der Befehle und Lageberichte setzen sie eine Wahrnehmung entgegen, die am einzelnen Naturphänomen festhält. Naturgeschichte, Mythos und europäische Literatur erweitern dabei die unmittelbare Kriegserfahrung um größere zeitliche und kulturelle Zusammenhänge - dies verbindet Cibulka mit Jüngers konservativer Moderne.
Der Unterschied liegt in der Haltung des Beobachters. Jüngers oft ordnender, distanzierter Blick kann selbst den Schrecken in ästhetisch geformte Bilder überführen. Cibulka betrachtet Natur weniger aus souveräner Distanz als aus dem Bewusstsein eigener Verletzlichkeit. Sie ist für ihn keine Gegenwelt, in die sich der Einzelne zurückziehen kann, sondern eine gefährdete Mitwelt, für die er Verantwortung trägt. Während Jünger im genauen Sehen vor allem die geistige Unabhängigkeit des Beobachters behauptet, entwickelt Cibulka daraus eine Ethik der Bewahrung. Seine Prosa übernimmt die Präzision und Traditionsbindung der konservativen Moderne, verschiebt deren Akzent aber vom souveränen Beobachten zur ökologischen Fürsorge.
Jüngers Naturwahrnehmung folgt dem Prinzip des "stereoskopischen Blicks". Dieser verbindet die genaue, fast naturwissenschaftliche Beobachtung mit einer zweiten, symbolischen Sichtweise. Pflanze, Tier oder Landschaft erscheinen zugleich als konkrete Erscheinung und als Zeichen einer verborgenen geistigen Ordnung. Sinnliche Erfahrung, naturkundliche Präzision, Mythos und Imagination erzeugen gemeinsam eine räumliche Tiefenwirkung. Natur wird auf diese Weise lesbar: Hinter ihrer sichtbaren Oberfläche vermutet Jünger zeitlose Formen und übergeschichtliche Gesetzmässigkeiten.
Cibulkas Naturbetrachtungen besitzen eine ähnliche Doppelperspektive. Auch bei ihm verweist das genau wahrgenommene Einzelne über sich hinaus. Sein Blick sucht aber weniger nach einer metaphysischen Ordnung als nach den Spuren von Zeit, Geschichte und Gefährdung. Der stereoskopische Blick wird bei ihm gleichsam ökologisch gewendet: Im Schönen erkennt er zugleich dessen Vergänglichkeit, im gegenwärtigen Landschaftsbild bereits die Möglichkeit seiner Zerstörung. Seine Naturbeobachtung verbindet daher sinnliche Intensität mit melancholischer Verlustahnung.
Kriegserinnerung, Vertreibung, konservative Kulturkritik und ökologisches Bewusstsein gehören bei Cibulka zusammen. Sie beruhen auf einer Ethik der Bewahrung: Was Menschen, Landschaften und Geschichte hervorgebracht haben, darf nicht beliebig verbraucht, umgeformt oder ausgelöscht werden. Seine hochsensible Naturbetrachtung bildet deshalb keinen Rückzug aus der politischen Wirklichkeit. Sie ist die genaue, leise Gegenrede eines Autors, der daran erinnert, Natur und Lebensräume nicht kurzfristigen wirtschaftlichen Zielen zu opfern, sondern sie für gegenwärtige und künftige Generationen zu schützen.
Thomas Michael, Berlin, 08/2026
unter Zuhilfenahme von ChatGPT 5.6 Sol